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Samuel: Hier rockt der Ukulelenprediger

Worum geht’s? Livemusik, Indie-Musik, Singer/Songwriter, Radio, Mainstream

Der Berliner Musiker Samuel ist Sänger, Multi-Instrumentalist, Komponist und Liedermacher. Sein Sound ist einzigartig – er predigt und rockt mit seiner Ukulele! CAZ-Musikredakteurin Marion Fiedler hat reingehört.

Wenn der Ukulelenprediger einmal rockt, wirds interessant. Ihr denkt jetzt sicherlich, ja klar, Ukulele. Das ist das Ping-Ping-Instrument, so ‘ne Gitarre in Geigengröße mit vier Saiten. Jupp. Das ist die Ukulele. Bei Samuel Beck, unter seinem Künstlernamen Samuel mit dem aktuellen Song-Projekt „Narrenmund“ unterwegs, klingt die kleine Zarte aber alles andere als gewöhnlich. Nicht fein, sondern rockig, fetzig, groß.

Das aktuelle Album „Narrenmund“ (erschienen über Luchtenbeck Musikproduktion) ist ein beachtenswertes Indie-Musik-Juwel. Ein von Samuel Beck selbst produziertes Album, eine Platte mit vielen Songs des Berliners, der durch die selbst geschriebene und produzierte Musik seine Lebenserfahrung teilt. Das Album ist verrückt und hat eine besondere Klasse. Zum einen hat Samuel Beck alle Songs selbst komponiert, arrangiert, gesungen. Aber eben auch alle Instrumente selbst eingespielt. Er nennt sich Ukulelenprediger und predigt für euch in eurem Wohnzimmer. Einfach auf die Couch knallen, Kerze an, Augen zu. Oder in der 61 auf dem Weg zur SLUB die Ohrstöpsel rein und schon geht sie los, die freche Predigt.

Samuel spielt mit Bildern, mit Wahrnehmungen, die unsere Gesellschaft bestimmen und auf Irrwege führen. Der Songwriter hinterfragt mit deutschen Liedtexten das Leben, spielt mit Worten, erfindet Wendungen und lacht über sich selbst. Vielleicht auch ein klein wenig über den Zuhörer? Die Texte sind alltagsorientiert, ehrlich. Gedanken, die sich jeder beim Erwachsenwerden macht. Es geht um Schmerz und Schuld, Erfolg und Glück, Entwicklung und Änderung. Song-Titel wie „Tot sein ist okay“ oder Wendungen im Liedtext wie „Was es will – ich wehr mich nicht mehr gegen es – das ist nur unnötiger Stress!“ lassen den Zuhörer aufhorchen.

„Narrenmund“ ist ein Conglomerat aus vielen verschiedenen Genres und Sounds. Klar, die Basis ist Rock. Manchmal schimmert aber etwas Musical, Pop und sogar Schlager durch, wo der eine Song etwas härter ausfällt, groovt‘s im nächsten Lied schon wieder fast jazzig. Samuel Beck improvisiert auf dem Album auch. Wer jetzt an traditionellen Jazz denkt, liegt zwar nicht ganz falsch. Von den Sounds her liefert Samuel aber, zum Beispiel im Song „Glücklich sein“, Klänge zwischen jodelndem Dagobert Duck und Saxophongequietsche. Für die Ballade „Schuld“ legt er Farben und Gedanken auf seine Musik und Stimme, die den Track wie die Musik vom „Grafen“ klingen lässt. Allerdings rockt Samuel richtig ordentlich los, und das eben mit der Ukulele. Das ist etwas, was ihn einzigartig macht. Solch einen Klang hat keiner!

Vielleicht werden solche einzigartigen Projekte wie jenes von Samuel aus genau diesem Grund auch nicht so oft im Radio gespielt. Es passt einfach nicht rein. Wozu einzigartig sein, wenn es auch im Einheitsbrei geht, zwitschert und hämmert uns das Mainstream-Radio jeden Tag vor. Man schwimmt irgendwie in ähnlichen Songs und Sounds und hangelt sich von üblich produzierter Pop- und Elektromusik nur ab und zu in akustische oder einzigartige Projekte.

Aber wäre es nicht an der Zeit, dass wir uns den individuellen Produktionen unserer deutschen Nachwuchsmusiker öffnen? Der Gedanke, dass ein einziger Musiker oder ein einziger Zuhörer das Radio reformieren kann, ist Irrsinn. Hinter dem „Eisernen Vorhang“ der Musikindustrie geben sich die „Big Player“ die Hand und lassen junges Blut einfach nicht auf die Bühnen, wo sich die große Musik abspielt. Einzigartige Klänge werden den meisten gesignten Bands scheinbar ausgetrieben. Man gilt nur etwas, wenn man in den üblichen Farben unterwegs ist. Nur dann gibts einen netten Plattenvertrag oder eine freundliche Einladung in den Pool der Musikindustrie.

Bevor wir jetzt aber in meinen Gedanken baden gehen – ich finde, Samuel hat eure Aufmerksamkeit verdient. Gerade weil er anders klingt. Er spielt übrigens häufiger mal in der Region. Durch seine vielfältigen Tourneen ist er in allen möglichen Städten anzutreffen, mit unterschiedlichen Projekten. Allein oder mit Band. Oder für den Zirkus – Samuel schreibt und komponiert Musik für den einzigen deutschen Indie-Zirkus mit Live-Musik!

Egal in welcher Besetzung ihr Samuel zu hören bekommt, soweit ich das beobachten konnte, geht die Post ab, wo er seine Ukulele zückt. Dann schwebt immer eine besonders ironische, fetzig-freche Note über der Bühne und die Songs machen Spaß. Sind übrigens auch tanzbar!

Hört mal rein, lehnt euch zurück und werft das Kopfkino an. Samuel wird auch für euch auf „Narrenmund“ predigen. Und ich verspreche euch, wer deutsch gesungene Musik und Rock und individuelle Bands mag und die Neugier für freche Texte hegt, wird nicht enttäuscht werden.

Text: Marion N. Fiedler
Foto: PR

Jetzt seid ihr dran: Welche Musik sollen wir in der CAZ vorstellen? Kleine Alternative Projekte oder lieber die Chartstürmer? Schreibt an redaktion@caz-lesen.de

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