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Dresdner Campus-Presse – so fing’s an

Worum geht’s? Studentenzeitung, ad rem, TU Dresden, Chefredakteur

Welche Themen haben Studenten Anfang der 90er interessiert? CAZ hat mit Heiko Schwarzburger, dem ehemaligenChefredakteur der ad-rem, über bewegte Zeiten, nächtliche Redaktionssitzungen und die Freiheit zu experimentieren gesprochen.

 

CAZ: Wie wird man vom Maschinenbau-Studenten zum Chefredakteur einer Studentenzeitung?

Heiko Schwarzburger: Indem man die Augen offenhält. Wer sich mit seinem Studium zufrieden gibt, wird beim Büffeln bleiben. Das ist natürlich viel zu langweilig, dafür lohnt sich der Besuch einer Universität nun wirklich nicht. Konkret kam damals hinzu, dass es aufgrund der Wende von 1989 eine sehr bewegte Zeit war, in der man als politisch interessierter Student vieles mitgestalten konnte. Ich hatte zuvor den Studentenrat an der TU Dresden mit aufgebaut und saß von 1989 bis 1991 als Studentensprecher im Akademischen Senat. Danach habe ich die Chefredaktion von ad-rem übernommen, um nun publizistisch wirksam zu werden.

Welche Themen hat die ad-rem damals aufgegriffen?

Heiko Schwarzburger: Damals bestand die Gefahr, dass alle sozialen Institutionen für die Studenten abgewickelt oder privatisiert werden sollten: preiswerte Mensen, Clubs, erschwingliche Wohnheime, sogar die Kopierer in den Instituten. Auch gab es noch kein Semesterticket, dagegen haben sich die Verkehrsbetriebe zunächst vehement gewehrt. So sollte beispielsweise der Hochschulsport abgeschafft werden. Kurse in Fremdsprachen sollten privatisiert werden, zu Lasten der Studenten. Der Studentenrat hat seinerzeit viel getan, um diese unverzichtbaren Angebote für die Studenten zu retten und auf neue Füße zu stellen. Das haben wir publizistisch flankiert, bis nach langem Hickhack mit der Politik und der Univerwaltung endlich wieder ein Studentenwerk gegründet werden konnte.

Sind Ihnen dabei besondere Artikel im Gedächtnis geblieben?

Heiko Schwarzburger: Ein zweites großes Thema war der Zwangsimport von westdeutschen Professoren und Assistenten, die vor allem in der BWL, in Philosophie oder in den Lehrämtern die angeblich oder auch tatsächlich vorbelasteten Lehrkräfte ersetzen sollten. Es gab einige Gründungsdekane aus dem Westen, die den Lehrkörper in den Fakultäten umbauen sollten. Das waren bis auf wenige Ausnahmen zweit- oder drittklassige Professoren mit viertklassigen Assis. Die kamen nun nach Dresden und machten sich auf den frei gewordenen Posten breit. Die CDU im Freistaat fand das Klasse, war ja selber fremdbestimmt. Auf diese Weise wurde aber fast die gesamte Elite an der Uni ausgetauscht. Sogar das Studium Generale, dass wir uns zur Wende erkämpft hatten, stand zur Disposition. Nur ein oder zwei Namen sind mir in Erinnerung geblieben, die wirklich Format hatten. Ansonsten wurde in Dresden – wie an anderen Hochschulen Sachsens und Ostdeutschlands – die akademische Überproduktion der westdeutschen Hochschulen untergebracht. Dagegen haben wir kein Blatt vor den Mund genommen. Warum auch.

Konnte die ad-rem-Redaktion etwas an der Uni bewegen?

Heiko Schwarzburger: Zeitungen können nichts bewegen, außer Leser. Wir haben für erhebliche Debatten gesorgt und für manches Projekt einen gewissen öffentlichen Druck aufgebaut. Man darf nicht vergessen: Bis 1993 etwa war die Studentenschaft die einzig funktionierende und demokratisch legitimierte Hochschulgruppe. Bei den Professoren und den akademischen Mittelbauern herrschte noch das Chaos von Abwicklung und feindlicher Übernahme. Und die Angestellten haben sowieso nie einen Mucks gewagt. Weil es für viele neue Projekte an der Uni kaum Regularien gab, auch die Gesetze waren noch nicht so eng gestrickt wie heute, war der Spielraum insgesamt größer, mitzureden und Neues zu gestalten. Ich denke, das haben wir tatsächlich geschafft. Beliebt war ich damals in gewissen Kreisen nicht, aber das hat mich nie interessiert. Viel Feind, viel Ehr.

Wie waren die Produktionsabläufe damals? Wie viele Mitarbeiter gab es?

Heiko Schwarzburger: Mitarbeiter gab es keine, nicht nach heutigen Maßstäben. Die Redaktion lief rein ehrenamtlich, auch meinen Job habe ich neben dem Studium erledigt. Man traf sich zur Redaktionssitzung, dann habe ich einen Themenplan gemacht, die Skripte eingesammelt und dann wurden die Seiten im PageMaker gesetzt, auch von uns. Manchmal waren wir fünf Leute in der Redaktion, manchmal 25. Manchmal saßen wir zu dritt bis in die Nacht, manchmal mit zehn Leuten. Es war wunderbar, nicht einmal Geld hat uns interessiert.

Wo waren die Redaktionsräume und wie viel Zeit haben Sie persönlich und die Redaktion im Allgemeinen in eine Ausgabe gesteckt?

Heiko Schwarzburger: Wir haben die Zeitung in der Baracke des Studentenrates produziert, soweit ich mich erinnere. Ich hatte damals einen eigenen Computer, den hatte ich mir beim Werkspraktikum bei Airbus verdient. Darauf habe ich mit PageMaker gearbeitet. In der Redaktion standen auch eine oder mehrere solcher Kisten. Ich glaube mich zu erinnern, dass wir die Seiten ausdruckten und dann zur Belichtung der Filme in die Druckerei schickten, per Fahrrad. Das elektronische Desktop Publishing steckte damals noch in den Kinderschuhen. Ich selber habe in der Woche ungefähr 30 bis 40 Stunden in die Zeitung gesteckt, und mein Studium dennoch drei Monate vorfristig abgeschlossen.

Welche Tipps haben Sie für heutige Studentenredaktionen?

Heiko Schwarzburger: Die Sache muss Spaß machen. Und man muss frech sein. Nicht akademisch, sondern direkt ins Herz der Leser, vor allem mit Humor. Denn gerade eine Universität bietet so viele tolle Themen, von der Politik bis hin zu sozialen Themen, Kultur oder Sexualität unter Studenten. Dresden selbst bietet einer Studentenzeitung eine wunderbare Kulisse. Da kann man sich ausprobieren und austoben. So gesehen ist eine Studentenzeitung viel mehr Experiment als eine gestandene Tageszeitung oder ein Wochenblatt. Diese Freiräume muss man nutzen, denn so etwas kommt im Leben später nie wieder.

Was haben Sie persönlich für sich aus Ihrer Zeit bei der ad-rem mitgenommen?

Heiko Schwarzburger: Ich habe zwar mein Ingenieursdiplom gemacht, bin aber im Journalismus geblieben. Das hat viel mit meinen Erfahrungen bei ad-rem zu tun. Auch, dass ich heute vor allem für die Energiewende aktiv bin. Die Leser aus der Solarbranche kennen meine Blogs und Kommentare, die nicht weniger bissig sind als damals in ad-rem. Ich hatte Glück, ich durfte das wunderbare Experiment ad-rem mindestens 25 Jahre verlängern. Das ist ein großes Privileg, doch alles andere würde mich wohl langweilen.

 

Heiko Schwarzburger hat an der TU Dresden Maschinenbau studiert und war von 1991 bis Ende 1992 Chefredakteur der ad-rem. Als freier Wissenschaftsjournalist war er Fachautor für erneuerbare Energien und hat u.a. für Die Zeit, den Tagesspiegel, die Freie Presse, die vdi nachrichten, das Spektrum der Wissenschaft, die Frankfurter Rundschau sowie die DNN und die Sächsische Zeitung geschrieben. Er war außerdem am Aufbau der Redaktion der Zeitschrift "Solarpraxis" beteiligt. Seit 2013 ist er Chefredakteur der Zeitschrift „Photovoltaik“. Heiko Schwarzburger hat auch zwei Romane veröffentlicht: Unter dem Pseudonym H.S. Eglund erschienen „Die Glöckner von Utopia“ und "Zen Solar".

 

Das Interview führte Ute Nitzsche.

Foto: Ludwig Rauch

 

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